Alles Süchtige (Signale 58-79)

Olaf Heineken auf dem Nachtflohmarkt Neuruppin

Martin Völz unterwegs auf dem Nachtflohmarkt in Neuruppin

 

Da gibt es Hunderte von Männern, die haben so viele Dinge von alten Autos und Motorrädern oft zweifelhafter Qualität herumzuliegen, dass sie das unbedingt mal anderen Männern zeigen wollen.

Und da gibt es Tausende von Männern, die wollen das alles sehen und, weil man vielleicht das Ein oder Andere noch mal irgendwann und irgendwie gebrauchen kann, wird mit diesen Dingen schwunghaft Handel getrieben.

Vor etwa fünf Jahren war ich das letzte Mal in Neuruppin zum Markt. In den vergangenen Jahren hatte ich zu diesem mittlerweile legendären Termin am 2. Wochenende im November keine Zeit. Mit meinem Prenzlauer Freund Olaf hatte ich mich kurzfristig verabredet. Da wir keine Lust hatten, einen Verkaufsstand zu betreiben, fuhren wir nur zum Gucken hin. Da es im Herbst ganz früh morgens so schön ist, sind wir um 5:30 Uhr in Prenzlau losgefahren und waren pünktlich zur eintretenden Morgendämmerung auf dem Platz. Einen vermeintlich günstigen Parkplatz hatten wir gleich am Anfang des Kasernengeländes ergattert. Für 5,00 € Eintritt waren wir dabei.

Fast alle Händler waren zu diesem Zeitpunkt bereits einigermaßen auf Betriebstemperatur, wovon offene Feuer und leere "Wärmflaschen" vom Vorabend zeugten. Olaf und ich fingen in einer der äußeren Flächen an, uns die Stände zu begucken. Bereits in dieser frühen Phase des Treibens erwarb ich die

erste Rarität: einen Fehlerstromschutzschalter aus DDR-Produktion. Noch heute gibt es in meiner Branche die Meinung, dass es so was damals bei uns gar nicht gab. Ein wenig später fiel mir der Wartburg-Bootsmotor in einer Kiste auf. Ein original 311er Block, der vermutlich wenig gelaufen sein dürfte und daher sicher bei Bedarf kein schlechtes Teil ist. Systematisch liefen wir alle Stände ab und auch Olaf fand etwas: Radzierblenden.

Irgendwann bemerkte ich, dass überall ein gewisses Gedränge herrschte. An jedem Stand musste man sich den Blick auf die Dinge mit anderen Schaulustigen teilen. Das Gelände war bis zum Rand mit Händlern belegt. Da, wo bis vor Jahren noch Rand war, ist jetzt die Mitte. Nach diesem System bietet die Fläche weitere Möglichkeiten. Das Wetter zeigte sich in diesem Jahr von seiner besten Seite. Sonnenschein und 10 Grad über Null! Darauf war es meiner Meinung auch zurückzuführen, dass nicht wie sonst an jedem 2. Stand Glühwein gekocht wurde. Erst zu Hause las ich in den Geschäftsbedingungen, die man zusammen mit einem Kugelschreiber beim Erwerb der Eintrittskarte erhalten hatte, dass es dafür laut §12 des Gaststättengesetzes einer Ausschankgenehmigung mit besonderem Händlervertrag des Gewerbeamtes bedarf, wofür pro Tag 25,00 € Gebühr zu entrichten sind. Offensichtlich hatte man in den vergangenen Jahren auf diesem Gebiet für Ordnung gesorgt. Dafür hatten sich nun genug gewerbliche Imbißbetreiber auf dem Platz eingefunden, so dass hier auch kein Mangel herrschte, nur Andrang. Für den Harndrang wurde meistens die am Rand des Geländes reichlich vorhandene Steppenlandschaft genutzt, trotz vorhandener Plastebuden mit chemischem Keimtötolin.

Angesichts der vielen, offensichtlich nie mehr zu gebrauchenden Teile, weil einfach zu vergammelt und verrostet, fragt sich der interessierte Laie nun: warum kommen so viele Männer deswegen dahin? Wahrscheinlich hat es der Mann nicht gern, dass er irgendwie eine Gelegenheit verpassen könnte, falls er nicht zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle ist. Offensichtlich findet sich doch Brauchbares. Aufgefallen ist mir, dass bei meinem letzten Besuch eine Menge IFA-Zweiräder in guten Zustand als Restaurationsbasis angeboten wurden. Deren Vorrat hat offensichtlich stark abgenommen. Auch Neuteile für Wartburg und Trabant sind hier nicht unbedingt zu finden. Da sind Markentreffen vielversprechender. Es ist kaum auszumachen, wer die Anbieter eigentlich sind. Die meisten scheinen mir Intensivhobbybetreiber zu sein, die hier alles loswerden wollen, was sie nicht selbst benötigen, oder was ihnen an Teilen zugelaufen ist und wofür sie keine Verwendung haben. Aufgefallen sind mir mehrere professionelle Anbieter für Zweiradneuteile von Jawa, Simson und MZ. Besucher und Händler kommen aus dem ganzen Ostdeutschgebiet, aus Tschechien, Polen und dem Hamburger Raum. Augenfälligste Angebote waren ein Rolls Royce von 1927, der vermutlich aus Amerika zurück importiert worden war und den ein Dresdener Profihändler anbot. Eine Wartburg 311 Limousine von 1957 im Zustand 5, aber durchaus mit hohem Aufwand restaurierbar, war aus Finnland von Finnen nach Neuruppin gebracht worden. Ob sich deswegen Jemand findet, dem dieses Auto 4.500,00 € wert ist, bezweifele ich. Diese Offerte zeigt aber, welch weiten und guten Ruf dieser Markt mittlerweile hat. Zur Vollständigkeit sei noch der Trabant von 1969 erwähnt, dessen Preis ich aber nicht mehr nennen kann. Zur Preisentwicklung: hat man ein ganz kleines Teil gefunden, dann kostet es erst mal 1,00 €, was etwas größer ist kostet erst mal 10,00 €. Dann geht das Feilschen und Handeln los, nicht immer mit Erfolg für beide Seiten. 10,00 € für einen neuwertigen Bremsengriff für mein altes Mifa-Fahrrad waren mir zu viel. Da an der Summe nicht zu rütteln war, durfte ich einen zweiten, wenig gebrauchten Griff mit dazu nehmen. Nun ja.

Die Händlerperspektive durfte ich dann am Stand von Olaf, dem Restaurator aus Groß Hartmannsdorf teilen. Als er mal kurz in der Steppe war, hätte ich einen originalen Soziussitz der Firma Möve für eine RT125, oder BK oder AWO für 120,00 € fast verkauft. Mein Argument, dass das der besterhaltene Sitz auf dem ganzen Gelände wäre, bestach nicht ganz, aber gefragt haben viele nach dem Preis. Für die Stahltür der Zivilverteidigungskammer des Groß-Hartmannsdorfer Dorfkonsums, die Olaf auch mitgeschleppt hatte, interessierte sich dagegen niemand, obwohl schon der Materialwert bestimmt 500,00 € nach heutigen Preisen gewesen wäre. Dafür verkaufte er eine s.g. Disco-Lichtorgel, die zu DDR-Zeiten aus 8 Halogenzusatzscheinwerfern auf ein Gestell gebastelt worden war, an einen jungen Kerl für kleines Geld. Was will der damit? Olaf, der Restaurator, und ich hatten eine nette gemeinsame Stunde.

Mein Freund Olaf aus Prenzlau bescherte uns dagegen einen beschwerlichen Abgang. Er hatte eine zugegebenermaßen etwas verschlissene Sitzgarnitur in schwarz mit dem Routenmuster eines 70er Jahre 353ers für 30,00 € ergattert, die wir nun in 2 Gängen zum weit entfernten Auto schleppen mussten. Mein Wasserpumpensatz für 40,00 € aus ursprünglich ungarischem Ersatzteilhandel wog dagegen nichts.

Es war ein schöner Tag in Neuruppin, der wieder einmal gezeigt hat, dass das, was die Menschheit nicht braucht, den meisten Spaß macht. Nach diesem Erlebnis habe ich mir vorgenommen, mich im Winter um meine Autos zu kümmern, um dann in der nächsten Saison wenigstens den größten Teil des Fuhrparks nutzen zu können! Ich wünsche euch allen, dass ihr genügend Zeit, Gelegenheit und Lust habt, Eure Autos gut über den Winter zu bringen, damit wir uns damit im kommenden Jahr zur ein oder anderen Gelegenheit sehen.

 

herzliche Grüße  Euer

 

/ Martin Völz

 

Literatur: http://www.maz-online.de/Lokales/Ostprignitz-Ruppin/Besuchermassen-beim-...