1896 - 1976 (Signale 1976-6)

Fabrikansicht aus der Gründerzeit

Von der AG zum VEB

Mit diesem Beitrag, der Einsichten über Produktionsverhältnisse und Produktivkräfte beabsichtigt, schließt SIGNALE die vierteilige Artikelreihe zum Jubiläum des Eisenacher Automobilbaues ab.

 

Volle acht Jahrzehnte währt jetzt, genau seit dem 3. Dezember, die Geschichte des Eisenacher Automobilbaues. Vor der Jahrhundertwende entstanden die ersten Wartburg-Motorwagen, heute repräsentiert der Frontantriebtyp WARTBURG 353 W den jüngsten Stand. Doch so vordergründig und aufschlußreich die Fahrzeugentwicklung auch erscheinen mag, sie ist für sich allein ebensowenig ausschlaggebend wie die technologische Entwicklung von einst noch handwerklicher Motorwagen-Fabrikation zur modernen Serienfertigung von Automobilen. Bestimmend war und ist vielmehr die Frage nach der Stellung der Werktätigen in der jeweiligen Gesellschaft und nach ihrer Lebensweise. An den Krisenprozessen des Kapitalismus wird deutlich, daß dort selbst der Profit als Maß aller Dinge in der Steuerung der gesellschaftlichen Entwicklung zunehmend versagt. Auf der Tagesordnung der Geschichte steht, die Daseinsprobleme der Menschen nach einem neuen sozialen Maß, der Entfaltung der Persönlichkeit der Werktätigen, zu lösen. In solchem Zusammenhang erklärte der Generalsekretär, Genosse Erich Honecker, auf der 2. Tagung des ZK der SED: „Die Verwirklichung der Menschenrechte in der DDR hat ihre Wurzeln in den Besitz- und Machtverhältnissen unserer sozialistischen Gesellschaft."

 

Als am 3. Dezember 1896 ein Bankenkonsortium die Gründung der Fahrzeugfabrik Eisenach beschloß, geschah dies auf Veranlassung des Geh. Baurates Ing. Heinrich Ehrhardt.

 

Diese Notiz ermöglicht bereits Rückschlüsse auf Motive und Verhältnisse. Mit dem Firmengründer Ehrhardt verbinden sich heute freilich kaum noch oder gar keine Vorstellungen Damals jedoch bedeutete Ehrhardt eine direkte Personifizierung des deutschen Monopolkapitals und Imperialismus. Ehrhardt galt neben Krupp als zweiter deutscher „Kanonenkönig", und seine Unternehmen im Rheinland, in Westfalen und Thüringen waren Waffenschmieden für die Arsenale deutscher und ausländischer Militärs. Der Generalnenner hieß Maximalprofit und Ausbeutung von Arbeitskraft. Unter dieser Devise stand auch die neue Unternehmensgründung.

 

Einsatz imperialistischer Machtmittel gegen die ArbeiterbewegungMit der Stationierung im industriell noch nicht erschlossenen Eisenach rechneten Ehrhardt und die Aktionäre auf billige Arbeitskräfte. Tatsächlich wurden zunächst nur 22 Pf. Lohn pro Stunde gezahlt. Die anfangs zum Fabrikations-anlauf unentbehrlichen und deshalb aus dem Rheinland herangeholten Facharbeiter wurden um zugesagte Reisegelder geprellt. In der neu-gebauten Fabrik gab es keine zumutbaren Waschgelegenheiten, Garderoben und sanitären Anlagen. Aber es wurden ansteigend hohe Gewinne gezogen aus der Herstellung von Gespannfahrzeugen für den Heeresbedarf, von Protzen, Geschützlafetten, Feldküchen und Fahrrädern. Danach erst rangierte die Herstellung der Wartburg-Motorwagen.

 

Was den Anstoß gegeben hatte, nach Benz und Daimler in der Eisenacher AG als drittes Unternehmen die Fabrikation von Motorwagen zu beginnen, läßt sich definitiv nicht mehr klären und hatte gewiß verschiedene Gründe. Vermutlich war durchaus unternehmerischer Weitblick auf die sich anbahnende Bedeutung des Automobils einer davon, man dachte aber auch sicher an Lieferungen für das Heer. Nicht umsonst wurden Wartburg-Motorwagen gerade von Offizieren bevorzugt gefahren. Bestimmt wurde auch kommerziell abgewogen, daß die lukrativen Heeresaufträge anfängliche Geschäftsrisiken der Motorwagenfabrikation auffangen könnten. Oder es wurde bereits das Auftauchen von Konkurrenzunternehmen gewittert, die dann tatsächlich auch in den nächsten Jahren entstanden.

 

Um jedenfalls rasch zum Zuge zu gelangen, erwarb die Fahrzeugfabrik Eisenach zunächst die Herstellungsrechte für einen leichten Motorwagen von der französischen Firma Decauville.

 

Das heißt, anders konkretisiert, daß die maß-gebenden Qualitätskriterien der hergestellten Wartburg-Motorwagen fast ausschließlich auf den im Bereich der materiellen Arbeit geschaffenen Gütemerkmalen beruhten, also auf den Leistungen, Kenntnissen und Fähigkeiten der Eisenacher Fabrikarbeiter.

 

Und die Wartburg-Motorwagen waren auf Anhieb, ebenso wie die ab 1904 fabrizierten Dixi-Typen, ein voller Erfolg. Von der damit verbundenen Prosperität profitierten jedoch ausschließlich Unternehmer und Aktionäre. Diejenigen aber, die den wirtschaftlichen Erfolg erarbeitet hatten, bekamen davon nichts zu spüren. Die Entlohnung der Arbeiter betrug bei wöchentlich 60 Stunden Arbeitszeit 27 bis 34 Pfennige und im Akkordlohn zwischen 45 und 50 Pfennigen pro Stunde. Dieser Lohn reichte allenfalls für Notwendigstes, für ein Existenzminimum. Die Arbeiter in der AG waren ohne Kündigungsfristen und Kündigungsrechte, Entlassene erhielten keine Arbeitslosenunterstützung und verloren sogar für drei Jahre das Wahlrecht.

 

Neues Sozialgebäude — Teilstück verbesserter Arbeits- und LebensbedingungenDie Merkmale der Klassengesellschaft, die verschärfte Ausbeutung, der Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit traten in der Fahrzeugfabrik offen zutage.

Andererseits wuchsen Organisiertheit und Solidarität der Arbeiterschaft im Klassenkampf.

 

Am 2. Dezember 1904 legten 58 Dreher die Arbeit nieder und forderten an Stelle des Akkordlohnes die Einführung eines festen Lohnsatzes in angemessener Höhe. Daraufhin drohte die Unternehmensleitung mit Entlassung. Aber die Arbeiterschaft erklärte sich mit den streikenden Drehern solidarisch, stellte die Arbeit in der Fabrik ein und erzielte dann einen Teilerfolg. Dieser Streik war Ausgangspunkt einer sich anschließenden Streikbewegung in mehreren Unternehmen Eisenachs und der damaligen großen Streikbewegung in Deutschland.

 

Nach dem 1. Weltkrieg entwickelte sich die Betriebsgruppe der KPD zur führenden Kraft der Arbeiterschaft des Eisenacher Unternehmens, das 1928 in den Besitz der Bayerischen Motorenwerke AG kam.

 

Das Kapital bereitete den Weg zur faschistischen Diktatur, und nach 1933 wurden durch Verbot der KPD auch im Eisenacher Werk die progressiven Kräfte aus der offiziellen gewerkschaftlichen Leitung ausgeschaltet. Neben der Eisenacher BMW-Automobilproduktion stieg der Konzern voll in das Rüstungsgeschäft ein. Welche Profite aus der für die faschistische Wehrmacht forcierten Produktion gezogen wurden, beweist die Erhöhung des BMW-Grundkapitals während des 2. Weltkrieges von 15 Millionen RM 1939 auf 100 Millionen RM 1944 bei einer regelmäßigen Dividende von 8 Prozent.

 

1945 erst kam nach der Befreiung vom Faschismus die entscheidende Umwälzung.

 

Richtungsweisend war der Aufruf der Kommunistischen Partei Deutschlands vom 11. Juni 1945. Er bildete die Grundlage für das Handeln der antifaschistisch-demokratischen Kräfte, und der 13. Oktober 1945, an dem im Befehl Nr. 93 der sowjetischen Militär-Administration alle Maßnahmen „zur Sicherstellung der Herausbringung neuer Personenkraftwagen und Motorräder in der Fahrzeug- und Maschinenfabrik in Thüringen" angewiesen wurden, stellt den Geburtstag dar für den neuen, inmitten von Ruinen und Trümmern angefangenen Automobilbau in Eisenach.

 

Hauptproduktivkraft ist und bleibt der MenschDessen sozialistische Entwicklung datiert präzise seit dem 15. September 1946. An diesem Tag erfolgte die Eingliederung des Werkes als Teilbetrieb in die staatliche sowjetische „Awtowelo". Unter sowjetischer Leitung, mit Hilfe sowjetischer Freunde und Genossen und in gemeinsamer Arbeit ging das Werkskollektiv an die Aufräumung und den Neuaufbau der zerstörten Betriebsstätten und steigerte mit bereitgestellten technologischen Ausrüstungen die Produktion, zunächst noch die des Sechszylindertyps 321, dann des weiterentwickelten PKW 340-2 sowie des Motorrades R 35. Gleichzeitig entstanden umfangreiche neue Sozialeinrichtungen.

 

Am 5. Juni 1952 übergab die Sowjetunion das Werk, das nach Beseitigung der Kriegsschäden und durchgeführter Erneuerung damals bereits wieder 90 Prozent seiner früheren Kapazität erreicht hatte, in das Volkseigentum der 1949 gegründeten Deutschen Demokratischen Republik.

 

Seitdem gehört der VEB Automobilwerk Eisenach als fester und wirksamer Bestandteil zu der maßgebenden ökonomischen Basis für den Weg der DDR zum Sozialismus.

 

Unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei, der 1946 auf dem Vereinigungsparteitag von Kommunisten und Sozialdemokraten gegründeten Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, erfolgte und erfolgt die gesamte weitere Entwicklung.

 

Der VEB Automobilwerk Eisenach übernahm 1953 die Produktion des IFA F 9, 1955 liefen die ersten Frontantriebwagen Typ Wartburg 311 vom Endmontageband, 1966 folgte der WARTBURG 353. Parallel zur konstruktiven Perfektionierung der Eisenacher Personenkraftwagen ist zugleich die Kontinuität der Entwicklung modernster Technologien zu verzeichnen und darüber hinaus der Eisenacher Automobilproduktion überhaupt. Hier vor allem kommt das sozialistische Verhältnis der werktätigen Menschen zu ihren Produktionsmitteln zum Ausdruck, und insbesondere nach dem VIII. Parteitag der SED erzielte das AWE-Kollektiv bei der Intensivierung der Produktion, in der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik ausgehend von der Verknüpfung der ökonomischen und wissenschaftlich-technischen Entwicklung mit der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen, während der 1975 abgelaufenen Fünfjahrplanetappe die bisher besten Ergebnisse. Im sozialistischen Wettbewerb steigerten die Eisenacher Automobilwerker die industrielle Warenproduktion seit 1971 jährlich um 56 Millionen Mark und überschritten 1974 erstmals die Milliardengrenze. Ebenfalls 1974 wurden bereits die Vorbereitungen getroffen zum planmäßigen Anlauf der Serienproduktion des weiterentwickelten Typs WARTBURG 353 W im März 1975. Für hervorragende Leistungen zur Stärkung der DDR und die Ergebnisse bei der Verwirklichung der von Partei und Regierung gestellten Aufgaben erhielt das Werkskollektiv die hohe Auszeichnung mit dem Karl-MarxOrden.

 

Der IX. Parteitag der SED hat inzwischen die weiteren Perspektiven abgesteckt und neue schöpferische Initiativen der Werktätigen ausgelost.

 

Bereits im Entwurf der Direktive des IX. Parteitages zur Entwicklung der Volkswirtschaft der DDR wurde für den Industriezweig konkretisiert: „Im Automobilbau ist im Zeitraum 1976 bis 1980 die sozialistische Rationalisierung der Lastkraftwagen- und Personenkraftwagenkapazitäten weiterzuführen und ihre planmäßige Rekonstruktion zu beginnen."

 

Die daraus abgeleiteten anspruchsvollen neuen Aufgaben sind von den WARTBURG-Produzenten mit verstärktem Elan auf der Basis in Angriff genommen, aus der alle Erfolge in der jüngsten Geschichte des Eisenacher Automobilbaues resultieren und die zugleich die feste Garantie für allseitige Weiterentwicklung ist: In Fortsetzung der revolutionären Traditionen der deutschen Arbeiterklasse und gestützt auf die Befreiung vom Faschismus hat das Volk der DDR in Übereinstimmung mit den Prozessen der gesellschaftlichen Entwicklung unserer Epoche sein Recht auf sozialökonomische, staatliche und nationale Selbstbestimmung verwirklicht, es gestaltet die entwickelte sozialistische Gesellschaft und schafft so grundlegende Voraussetzungen für den allmählichen Übergang zum Kommunismus.

 

Die Volkswirtschaft der DDR beruht auf dem sozialistischen Eigentum an den Produktions-mitteln, und sie entwickelt sich gemäß den ökonomischen Gesetzen des Sozialismus auf der Grundlage der sozialistischen Produktionsverhältnisse, der Planwirtschaft und der zielstrebigen Verwirklichung der sozialistischen ökonomischen Integration mit der Sowjetunion und den anderen Staaten des RGW — und genau dies alles, so ist anläßlich des Jubiläums festzustellen, gewährleistet auch die weiteren umfassenden Fortschritte in der WARTBURG-Produktion des VEB Automobilwerk Eisenach.

 


Titelbild: Eine Fabrikansicht aus der Gründerzeit

Bild 1: Einsatz imperialistischer Machtmittel gegen die Arbeiterbewegung

 

Bild 2: Neues Sozialgebäude — Teilstück verbesserter Arbeits- und Lebensbedingungen

 

Bild 3: Hauptproduktivkraft ist und bleibt der Mensch