Kommentar zu Charta von Turin (Signale 50-71)

Winfried A. Seidel

von Winfried A. Seidel

 

Grundsätzlich ist zu bemerken, dass man alles vermeiden sollte, was uns mit unnötigen Regularien belastet.

Gerade jüngere Menschen, sie sich über den Einstieg mit Youngtimern dem Oldtimer-Hobby öffnen könnten, werden durch Vorschriften eher abgeschreckt.

Die in der Charta von Turin erarbeiteten Artikel sind z. T. recht unqualifiziert und widersprüchlich.

 

Aufgrund meiner langjährigen Erfahrung mit historischen Fahrzeugen und mit den Menschen, die diese Fahrzeuge restaurieren und pflegen, sehe ich mich veranlasst, zu den einzelnen Artikeln Kommentare abzugeben.

Artikel Nr. 1: Jeder, der ein historisches Fahrzeug besitzt, ob restauriert oder unrestauriert hat schon heute die Möglichkeit, sich Clubs oder Gemeinschaften anzuschließen, die ihm die Möglichkeit geben, sich über sein Fahrzeug zu informieren. Natürlich wird er dabei auch technische Kenntnisse von Fachfirmen oder Unterlagen aus Archiven einbeziehen, soweit sie zugänglich sind. Dazu ist zu bemerken, dass viele

Werksarchive, Clubarchive und Privatarchive schon seit langem bekannt und zugänglich sind. Ob man das in den Bereich der Wissenschaft erheben sollte, ist sicher fraglich.

 

Artikel Nr. 2: Dieser Artikel ist deutlich an der Realität vorbei gedacht. Für Menschen, die dieses Hobby betreiben, ist es in der Regel das Ziel, ein Fahrzeug zu restaurieren, damit in fahrbereiten Zustand zu versetzen und nach vollendeter Restaurierung bei Oldtimer-Veranstaltungen zu fahren. Es ist meine Erfahrung, dass es da 2 Arten von Menschen gibt, die sich

deutlich unterscheiden. Während eine durchaus bereit ist, alle Erfahrungen während einer Restaurierung an noch nicht ganz so erfahrene Oldtimer-Freunde weiter zu geben, hütet die andere Gruppe all diese Erfahrungen als geistiges Eigentum, oder sogar als geistiges Kapital - denn man

will ja schließlich nicht, dass der „Mitmensch" mit seinem Fahrzeug beim nächsten Concours d' Elegance die höhere Punktzahl bekommt. Es wird kaum gelingen, diese Gruppe zu kommunikativem Handeln zu bewegen.

 

Artikel Nr. 3: Natürlich ist es wichtig, dass die Möglichkeit zur Erhaltung von historischen Fahrzeugen durch den Fahrbetrieb gegeben ist. Hier sollte allerdings dem Besitzer keine Vorschrift gemacht werden. Es sollte vielmehr darauf geachtet werden, dass es auch zukünftig keine Einschränkungen durch Gesetze oder durch behördliche Erlasse gibt.

Es wird allerdings immer eine große Zahl von ‚Fahrzeugen geben, die in Museen und in Sammlungen stehen und dadurch nicht mehr im Fahrbetrieb sind. Solche Fahrzeuge, die eventuell im unrestaurierten Originalzustand, ohne jede Veränderung sind, dienen in der Szene häufig als „Referenzfahrzeuge" für originalgetreue Restaurierungen.

 

Artikel Nr. 4: Dieser Artikel ist sehr unverständlich. Nicht jeder Oldtimer wird in der Öffentlichkeit als „nützlich" empfunden. Es gibt da durchaus auch andere Reaktionen. Natürlich sollten Änderungen nur mit Rücksicht auf die sichtbare Originalität vorgenommen werden. Es gibt aber z. B. im historischen Motorsport durchaus eine ganze Anzahl von materiellen Verbesserungen, die fast unumgänglich sind, wenn man sein Fahrzeug im Wettbewerb mit der nötigen Fahrsicherheit bewegen möchte. Eine Vorschrift auszusprechen, dass solche Veränderungen vollständig wieder rückzurüsten sind, ist schlichtweg praxisfremd.

 

Artikel Nr. 5: Dieser Artikel ist absolut unnötig, denn was sonst tut ein historisches Fahrzeug durch sein Vorhandensein.

 

Artikel Nr. 6: Dieser Artikel ist sogar berechtigt. Allerdings ist die Weisheit der Aussage keine Neuigkeit und sie Bedarf daher auch keiner Paragraphen. Dass es sich bei der Restaurierung im einen „hochspeziellen Prozess" handelt, mag zwar sein, aber es gibt durchaus Menschen aus allen Berufen und aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppierungen, die bemerkenswerte Arbeit an ihren historischen Fahrzeugen geleistet haben.

 

Artikel Nr. 7: Auch dieser Artikel ist sicher berechtigt, aber es erübrigt sich eigentlich, die Sätze aufzuschreiben „sollte, wenn möglich". Kompliziert wird die Sache durch die Aussage, dass nur dann Ersatzmaterialien und Techniken herangezogen werden, wenn deren Eignung und Beständigkeit wissenschaftlich nachgewiesen oder durch praktische Erfahrung erprobt ist. Hier wird wohl erst einmal ein Fachinstitut eingerichtet werden müssen, das diese Aufgaben übernimmt. Bisher hat das eigentlich auch schon ganz gut funktioniert: Frage „Wie hast Du dieses oder jenes Problem gelöst?" Antwort: „Ach, ich habe da gute Erfahrungen mit diesem oder jenem Material/Lieferanten/Werkzeug gemacht". Kommunikationsmöglichkeiten für derartigen Erfahrungsaustausch sind durch Clubs, Oldtimer-Veranstaltungen und Fachzeitschriften schon jetzt vorhanden.

Artikel Nr. 8: Man mag es mit entschuldigen, diesen Artikel begreife ich nicht. Entweder Originalzustand, so wie ein Fahrzeug einst das Werk verlassen hat, oder alles was später daran herumgebastelt wurde um

„Manni Manta" zufrieden zu stellen. Oder sollen da alle VW Käfer zu Herbies werden?

 

Was bedeutet „Restaurierung hin zu einer bestimmten Epoche"? Dazu sollte man dann auch noch einen Restaurierungsplan erstellen. Was bedeutet z. B. der Begriff „historische Veränderungen". Bauteile kann man evtl. markieren. Es gibt aber durchaus auch noch immer Originalteile aus frühen Beständen, da wird es schon wieder grenzwertig. Ich denke aber, dass das Kennzeichnungssystem für Schienenfahrzeuge hier kaum anzuwenden sein wird.

Auch hier gibt es wieder mehrere Menschengruppen. Da gibt es die Gruppe, die tatsächlich den gegebenen Sachverhalt bei einer Restaurierung festhält, so z. B. Fahrgestell und komplette Technik war vorhanden, die Karosserie wurde nach historischem Vorbild angefertigt. Diese Gruppe wird dann wohl auch alle Arbeitsgänge der Restaurierung als Belege für spätere Generationen festlegen.

Es gibt aber auch die Gruppe, die aus einer verrosteten Schraube und vielleicht sogar noch aus ein paar Kleinteilen ein möglichst wertvolles Fahrzeug entstehen lassen, dem sie dann zu ihrer ganz persönlichen oder gesellschaftlichen Imageaufwertung Schritt für Schritt versuchen, immer mehr Originalität zu geben.

Und dann gibt es natürlich leider auch die Gruppe, die mit falschen Rahmennummern, veränderten Motornummer o. ä. schlichtweg betrügen möchten. Oft gelingt dies sogar.

Besonders gefährlich werden die letzten beiden Gruppen, wenn die Fahrzeuge erst einmal in die Jahre gekommen sind und eine „fast natürliche" Patina beinahe schon wie „original" aussieht. Diese Menschen wird kaum eine Kontrollinstitution dazu bringen, ihre Machenschaften durch Markierung von Nachbauteilen offen zu legen. Ich denke, es gibt inzwischen Fahrzeuge, die nur noch aus Zahlen und Buchstaben bestehen würden.

 

Artikel Nr. 9: Dieser Artikel erübrigt sich eigentlich. Wenn man ein historisches Fahrzeug zulassen will, müssen die vorgeschriebenen Einrichtungen eingebaut werden. Diese sind dann aufgrund ihrer Präsenz natürlich auch mehr oder weniger deutlich erkennbar.

 

Artikel Nr. 10: Dieser Artikel wiederholt z. T. die Aussage des Artikels 9. Ansonsten gibt der Artikel wenig Hinweise. Er ist z. T. sogar irreführend. Wenn man z. B. ein der heutigen Vorschrift entsprechendes Teil möglichst einem Originalteil entsprechend rekonstruiert, werden wahrscheinlich die für eine Zulassung nötigen Prüfzeichen fehlen. Hier könnte sogar ein Problem für die Allgemeine Betriebserlaubnis oder sogar

Haftungsprobleme entstehen.

Es ist natürlich sinnvoll, alle ausgebauten bzw. ergänzten Teile aufzubewahren, ob dies allerdings immer zusammen mit dem Fahrzeug geschehen kann, ist wohl eher fraglich.

 

Artikel Nr. 11: Eine Restaurierung oder auch Konservierung zu planen dürfte eines der schwierigsten Probleme sein. Es ist fast unmöglich, alle zu erwartenden Arbeiten im Vorfeld zu überblicken. Dass man dann allerdings alle Arbeiten fotografisch und durch Kommentare festhält, ist sicher unerlässlich. Dies nicht nur als Dokument für die Zukunft, sondern vor allem für den Wiederaufbau nach Überarbeitung aller relevanten Teile und Baugruppen.

 

Artikel Nr. 12: Hier stört der Begriff „müssen" - und was sind alle Einrichtungen und Organisationen. Man kann dies allenfalls, wie in Artikel 11 beschrieben, empfehlen. Solche Aufzeichnungen sollten dann als

„historisches Dokument" zu dem jeweiligen Fahrzeug gehören. Eine Zentralstelle könnte durchaus eingerichtet werden, die dann eine Zweitschrift erhält. Dabei erhebt sich dann allerdings die Frage, wer bei einer solchen Zentralstelle auskunftsberechtigt ist, bzw. welche Voraussetzung für eine Auskunft gegeben sein müsste. Hier besteht durchaus die Gefahr, dass solche Dateien den „Fälschern" ganz neue Möglichkeiten bieten.

 

Artikel Nr. 13: Dieser Artikel grenzt zu wenig ab. Was heißt hier alle Einrichtungen und Institutionen. So ausgelegt sind das Clubs und Museen. Hier birgt die Formulierung „nicht gewinnbringend" erhebliche Probleme gerade bei Clubs mit Jahrestreffen, Clubshops usw. Museen sind in der Regel schon jetzt als gemeinnützig anerkannt.

 

Artikel Nr. 14: Dieser Artikel erweckt den Eindruck, als ob sich hier bereits eine Institution als alleiniger Gralshüter der Oldtimer-Szene etablieren will. Besonders vorsichtig muss man aber mit dem Wunsch nach Förderung sein. Hier könnten sich sehr schnell Situationen ergeben, wie sie im Bereich von denkmalgeschützten Bauten oder Anlagen bereits praktiziert werden. Dies könnte bedeuten, dass sich irgendwo und irgendwie eine Behörde angesprochen fühlt, hier Kontrollfunktionen für Fördermittel zu übernehmen.

Ein gefährliches Szenario könnte entstehen z. B. Vorkaufsrecht von mobilem Kulturgut durch staatliche Museen, Vorschriften für Behandlung und Restaurierung, Vorschriften für die Aufbewahrung, Einsatz von Kontrollen ähnlich wie bei der Sanierung denkmalgeschützter Bauten, usw.

 

Artikel Nr. 15: Dieser Artikel wirkt wie eine Forderung nach Verstaatlichung aller vorhandenen Archive. Denn solche Archive sind z. Zt. Zum großen Teil in Privat-Besitz oder in Museen.

 

Diese Archive sind z. B. mit hohem finanziellem Einsatz zusammengetragen worden. Wer bitte könnte da wohl bereit sein, sein Archiv freiwillig unter behördlichen Einfluss zu steilen. Es ist vielmehr zu befürchten, dass diese Archive, die bisher ja z. T. durchaus zugänglich waren, dann eher im Verborgenen weiter existieren und damit der Oldtimer-Szene entzogen werden.

 

Fazit: Die Old- und Youngtimer-Szene funktioniert eigentlich sehr gut und braucht daher keine Regularien, die unser Hobby völlig unnötig komplizieren.

 

 

/ Winfried A. Seidel

 


„Automuseum Dr. Carl Benz"

Winfried Seidel, Jahrgang 1939, kam in Schlesien zur Welt. Nach dem Krieg lernte Seidel in Bielefeld Fernmeldetechniker, machte bei Dürkopp ein feinmechanisches Praktikum, gründete später ein Spielwarengeschäft und ließ sich zuletzt in der Benz-Stadt Ladenburg nieder. 1975 gründete er die Veterama, die er bis heute organisiert. Heute leitet er außerdem in der ehemaligen Fabrik der Benz-Söhne ein Automuseum und vertreibt historische Gummiprofile.