Hoher Besuch (Signale 62-83)

Der Wartburg-Stretch des Allgemeinen Wartburg Club Eisenach (AWE)

Der Papst besucht die Lutherstadt Eisenach

 

Gern schießen noch während der laufenden Techno Classica die Ideen für die nachfolgenden Messen ins Kraut. Das Messeteam ist in diesen Situationen vom Arbeitseinsatz und dem Messestress gleichermaßen geschafft und stolz auf seine Leistung und die dafür gezollte Anerkennung. Nicht selten werden solche wilden Ideen aber nach der Messe tatsächlich zum Thema erhoben.

So war es auch mit dem Gedanken, einen Prominenten mit einem Wartburg fahren zu lassen. Immerhin ist Eisenach die Stadt der Wartburg, der Wartburgs, Bachs und Luthers. Ein Prominenter in Eisenach hätte also große Auswahl.

Wir sind in Halle 8.1, Stand 134Allerdings muss so ein Thema auch einen Aufmerksamkeitswert für das Publikum haben. Am besten durch das Zusammenbringen von scheinbar nicht zusammen passenden Themen: Der Wartburg als Luxuswagen zum Beispiel. Oder der Heilige Vater in der DDR. Oder sogar: Der katholische Papst besucht die sozialistische DDR um dort an den Feierlichkeiten zum evangelischen Lutherjahr teilzunehmen! Jetzt fehlt nur noch ein Bezug zu unserem Oldtimer Hobby. Deshalb gratuliert der Papst nicht nur zum Lutherjahr, sondern er wird dabei natürlich im Besten chauffiert, was der ostdeutsche Autobau zu bieten hat: einem Wartburg.

Allerdings lassen wir den Stellvertreter Gottes in einem angemessen herrschaftlichen Gefährt vorfahren. Dafür gibt es ja seit ein paar Jahren den nicht originalen, aber dennoch tollen Wartburg Pax des Allgemeinen Wartburg Fahrer Club Eisenach (AWE). Dieser weiße Stretch-Wartburg passt.

Nun wollen wir niemanden mit unserem Thema beleidigen oder der Lächerlichkeit preisgeben. Deshalb soll alles möglichst seriös dargestellt werden.

Der Paps wird nur von hinten zu sehen sein, wie er soeben sein Hotel betritt.

Vor dem Hotel steht der Wartburg mit Motorrad-Eskorte und das Gepäck wird sogleich ausgeladen.

Die Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens „Aktuelle Kamera“ lässt sich diese Szene nicht entgehen und filmt vor Ort.

Wie staunten wir aber, als wir im Verlauf unserer Recherchen feststellen mussten, dass die karnevalistisch-kabarettistische Szenerie gar nicht so weit hergeholt war, wie wir uns das gedacht hatten.

Tatsächlich plante die DDR Staats– und Parteiführung für 1983 die feierliche Geburtstagsfeier des großen Reformators. Wie der Spiegel in seiner Ausgabe 10/1983 berichtete, legten die DDR-Oberen zu diesem Thema einen deutlich größeren Eifer an den Tag, als für das zeitgleich stattfindende Karl-Marx-Jahr.

Eine eigens gegründete Kommission bereitete die Feierlichkeiten vor. Sogar Kirchenvertreter durften daran teilnehmen.

Die Biographie Martin Luthers wurde eifrig nach revolutionären Wurzeln durchsucht. Die in ihrem ganzen Wesen und Handeln kirchenfeindliche DDR wollte sich wirklich mit der Leistung eines Theologen schmücken. Damit sollte eine historisch begründete Daseinsberechtigung für den Arbeiter– und Bauern-Staat abgeleitet werden.

Vom Lutherjahr selbst wussten wir schon vorher, jedoch waren der Aufwand und die Ernsthaftigkeit hinter der Lutherehrung neu für uns.

Naja, immerhin stand fest, dass der Papst niemals die DDR besucht hatte.

Vor allem Johannes Paul II., der nie im Verdacht stand sich mit der Idee des Sozialismus zu sehr angefreundet zu haben, wäre bestimmt nicht zu den Kommunisten in die DDR gereist.´

Falls er diesen Wunsch gehabt hätte, hätten ihn diese auch ganz sicher nicht dort haben wollen.

Wie soll ich es sagen? Auch das war ein Irrtum!

Bereits 1985 besuchte Erich Honecker den Vatikan und Papst Johannes Paul II. nahm seine Einladung zu einem Gegenbesuch an.

Der Staatsratsvorsitzende sah im Heiligen Vater eine „führende Persönlichkeit des Westens und Nichtpaktgebundener“.

Erich Honecker überraschte damit viele seiner Getreuen.

Der Papst seinerzeit sagte den Besuch zu und die Planungen liefen an.

Nach einem Katholikentreffen 1987 in Dresden sah der Fahrplan einen Besuch des Papstes in der DDR für 1991 vor.

Ironie der Geschichte, dass sich die DDR zu diesem Zeitpunkt bereits überlebt hatte.

So bleibt uns wenigstens immer noch das Vergnügen daran, den Heiligen Vater aus Rom in einem Wartburg ins reformistisch-aufmüpfige Eisenach zu transportieren und dort herzlichst zum Jubiläum der Kirchenspaltung zu gratulieren.

Ganz in diesem Sinne lassen wir ihn deshalb zur Mitte der 1980er Jahre in einem schönen Hotel einchecken, während die Staatspartei der DDR sich „im guten Glauben“ auf dem Weg zu einem ihrer nächsten Parteitage macht.

Wie dem auch sei: Unserem Thema helfen diese Hintergrundinformation ungemein. Immerhin erzählen wir so eine - zu mindestens fast - wahre Geschichte.

Letztlich spielt das alles aber nur eine eher untergeordnete Rolle. Wichtig ist, wir präsentieren unser Hobby wieder vor ca. 200.000 Besuchern auf der Weltmesse für Oldtimer und klassische Fahrzeuge in Essen.

Wir freuen uns sehr darüber, dass die Fahrzeuge auf unserem Stand wieder eine bunte Mischung von Fahrzeugen aus der gesamten Ostfahrzeug-Szene darstellen werden.

Der Wartburg Pax wird uns durch die Freunde vom Allgemeinen Wartburgclub Eisenach zur Verfügung gestellt, die Motorräder kommen ebenfalls nicht unmittelbar aus unserem Verein, sondern werden uns durch Freunde unserer Vereinsmitglieder gestellt.

Und der Wartburg, der das Kamerateam des DDR-Fernsehens vor das Papsthotel in Eisenach bringt wird durch Dirk Köhne beigesteuert. Dirk hat das Fahrzeug von Helmut Neumann erworben, EDWFC-Gründer und Ehrenmitglied, der leider Ende letzten Jahres verstorben ist.

Auf diesem Wege hilft uns Helmut, dem die Techno Classica immer ein besonderes Anliegen gewesen ist, noch einmal.

Wir alle freuen uns auf eine interessante und hoffentlich schöne 27. Techno Classica in Essen.

Der EDWFC e.V. und die RWF&IFR e.V. erwarten Ihre Besucher und Gäste wie immer in Halle 8.1, dem Obergeschoß der Halle 8, auf Stand 134.

 

/ Stephan Uske